Ziegen­peter – nicht so lustig wie er klingt

Mumps, ebenso wie Masern, Röteln und Windpocken, ist keine Krankheit mehr, die ausschließlich Kinder befällt. STIKO empfiehlt daher, dass sich auch bestimmte Berufs­gruppen im Erwach­se­nen­alter impfen lassen. Foto: Heather Hazzan, Ronald Burton, Campbell Pearson, Hide Suzuki, Deanna Melluso / SELF Magazine, Lizenz: CC BY 2.0

 

Ziegen­peter – nicht so lustig wie er klingt

Der Volksmund hat für Mumps lustige Namen parat: Mal heißt er »Bauern­wetzel«, mal »Wochent­ölpel«, mal »Ziegen­peter« oder (in der Schweiz) »Ohren­müggeli«. Ein Kind, das an Mumps erkrankt ist, macht zwar mit seiner dicken Backe vielleicht einen komischen Eindruck, zum Lachen ist ihm jedoch gar nicht zumute. Es hat Schmerzen beim Essen und Trinken, oft sogar schon, wenn es nur den Mund aufmacht. Und wenn der Erreger der Infek­ti­ons­krankheit auch auf andere Organe übergreift, wird aus der so harmlos klingenden Kinder­krankheit Mumps eine ernst­hafte Gesund­heits­störung, berichtet die Stiftung Kinder­ge­sundheit in einer aktuellen Stellungnahme.

Seit dem Jahre 400 v. Chr., als Hippo­krates zum ersten Mal eine Mumps-Epidemie beschrieb, haben Millionen Kinder die Krankheit mit der dicken Backe durch­ge­macht, ohne dass die Ärzte ihnen helfen konnten. Das ist nicht verwun­derlich, sagt die Stiftung Kinder­ge­sundheit: der Erreger des Mumps ist ein winziges Virus, das ausschließlich von Mensch zu Mensch weiter­ge­geben wird, meist durch Tröpfchen in der Atemluft, manchmal auch durch verschmierte Hände. Ein Medikament, das speziell gegen dieses Virus hilft, gibt es bis heute nicht. Die Möglich­keiten der Behandlung beschränken sich deshalb auf die Linderung der schmerz­haften Krank­heits­sym­ptome. Zum Glück verspricht eine andere Art der Bekämpfung Erfolg: die von der Ständigen Impfkom­mission STIKO empfohlene Kombi­na­ti­ons­impfung gegen Mumps, Masern und Röteln.

Dicke Backe und abste­hende Ohren

Die »dicke Backe« gilt zwar als typisches Erken­nungs­merkmal der Mumps-Infektion, ist jedoch keineswegs obliga­to­risch, berichtet Kinder- und Jugendarzt Professor Dr. Berthold Koletzko, Vorsit­zender der Stiftung Kinder­ge­sundheit. »Die Infektion kann vor allem bei jüngeren Kindern auch ohne schmerz­hafte Schwellung verlaufen, was dazu führt, dass der Mumps nicht immer als solcher erkannt wird.«

In der Mehrzahl der Fälle aller­dings schwillt eine (meist die linke) der beiden Speichel­drüsen unter dem Ohr stark an, danach wird auch die andere Gesichts­hälfte dicker. Dadurch wird das Ohrläppchen in typischer Weise angehoben und steht seitlich ab. Um Schmerzen zu vermeiden, bewegt das Kind den Kopf nur noch wenig und hält ihn zur erkrankten Seite hinge­neigt. Schlucken und Kauen tun ihm weh, die Wange spannt und die geschwol­lenen Drüsen schmerzen stark, wenn man sie berührt. Oft tun auch die Ohren weh. Das Fieber steigt meist auf Werte zwischen 38 und 39,5 Grad.

Kinder und Erwachsene, die an Mumps erkrankt sind, sind bereits ein bis vier Tage vor den ersten Symptomen der Krankheit bis etwa vier Tage danach anste­ckend. Wer eine Mumps-Erkrankung überstanden hat, ist in der Regel lebenslang vor einer erneuten Infektion geschützt.

Auch das Gehör ist bedroht

Mit zuneh­mendem Alter steigt das Risiko vom Kompli­ka­tionen, berichtet die Stiftung Kinder­ge­sundheit. Bei fast jedem zehnten an Mumps erkrankten Kind muss mit einer Hirnhaut­ent­zündung (Menin­gitis) gerechnet werden. Dabei treten fünf bis sieben Tage nach Beginn der Drüsen­schwellung an der Wange und am Hals Kopfschmerzen hinter der Stirn, Übelkeit und Erbrechen auf. Das Kind hält den Nacken steif und kann den Hals nicht beugen.

Die Mumps-Menin­gitis verläuft zwar meist ohne größere Kompli­ka­tionen, harmlos ist sie trotzdem nicht: Häufig leiden die betrof­fenen Kinder und Erwach­senen noch lange Zeit an schweren Kopfschmerzen und stärkeren Allge­mein­stö­rungen. Eine Entzündung des Gehirns (Enzepha­litis) kommt wesentlich seltener vor, kann jedoch bleibende Schäden wie Lähmungen verur­sachen oder in Einzel­fällen sogar tödlich verlaufen. Auch Hörstö­rungen (meist einseitig) sind häufig und eine bleibende Taubheit ist möglich, so die Stiftung Kindergesundheit.

Gefahr für die Hoden

Eine weitere Kompli­kation bedroht Jungen und junge Männer: Bei etwa jedem fünften Heran­wach­senden führt Mumps zu einer Orchitis, einer schmerz­haften Entzündung der Hoden. Als Folge kann es zu einer Schrumpfung des Gewebes von einem oder beiden Hoden kommen. Sie produ­zieren zwar weiterhin Hormone und auch die Potenz geht nicht verloren – mögli­cher­weise leidet aber die Zeugungsfähigkeit.

Bei Mädchen kommt es in fünf Prozent der Fälle zu einer Entzündung der Eierstöcke. Sie ist wesentlich weniger schmerzhaft und wird deshalb auch seltener erkannt. Bei beiden Geschlechtern muss in sieben bis acht Prozent der Fälle mit einer Entzündung der Bauch­spei­chel­drüse gerechnet werden. Relativ häufig entzünden sich auch die Nieren, was sich mit Blut im Urin bemerkbar macht.

Impfschutz in zwei Schritten

Bei der Schutz­impfung gegen Mumps wird der Körper des Kindes durch abgeschwächte Mumps-Viren dazu veran­lasst, Antikörper gegen den Mumps-Erreger zu bilden. Die Impfung erfolgt als Kombi­na­ti­ons­impfung gemeinsam mit den Impfungen gegen Masern und Röteln, eventuell auch gegen Windpocken. Ein Einzel­impf­stoff gegen Mumps ist in Deutschland nicht verfügbar.

Die STIKO empfiehlt den Aufbau eines Impfschutzes in zwei Schritten: Die erste MMR-Kombi­na­ti­ons­impfung sollte im Alter von 11 bis 14 Monaten und die zweite Impfung frühestens 4 Wochen nach der ersten Impfung, spätestens jedoch gegen Ende des zweiten Lebens­jahres erfolgen.

Die MMR-Impfung ist gut verträglich, nur gelegentlich treten ungefähr­liche Neben­wir­kungen auf: Bei etwa zwei von 100 Geimpften tritt im Zeitraum von ein bis vier Wochen nach der MMR-Impfung ein schwacher masern­ähn­licher Hautaus­schlag auf. Bei einem von 100 geimpften Kindern schwillt die Ohrspei­chel­drüse an, die Schwellung ist aber schwächer ausge­prägt als beim richtigen Mumps. Es können auch Gelenk­schmerzen entstehen. Die Symptome heilen ohne Kompli­ka­tionen ab.

Ein wachsendes Risiko für Erwachsene

Als noch nicht gegen Mumps geimpft wurde, erkrankten in der damaligen Bundes­re­publik jedes Jahr etwa 200.000 Kinder. Bei über 7.000 hatte Mumps eine Hirnhaut­ent­zündung zur Folge. Im Jahr 2018 wurden 534 Mumps-Erkran­kungen dem Robert-Koch-Institut gemeldet. Kinder waren darunter mittler­weile in der Minderzahl: 75 Prozent der an Mumps Erkrankten waren älter als 15 Jahre.

»Leider wird Mumps immer mehr auch zu einem Problem von Erwach­senen«, betont Professor Dr. Berthold Koletzko: »Da viele, aber leider nicht alle, Kinder gegen Mumps geimpft sind, werden die weiter kursie­renden Viren häufig erst bei Teenagern und Erwach­senen fündig, bei denen jedoch eine größere Gefahr für Kompli­ka­tionen besteht. Außerdem ist die Schutz­wirkung der Mumps­impfung unter den drei Kompo­nenten der Kombi­na­ti­ons­impfung die am wenigsten anhal­tende. Deshalb kann in seltenen Fällen auch nach einer vollstän­digen, zweima­ligen Impfung eine Mumps-Erkrankung auftreten. Wegen dieser abneh­menden Immunität kam es in den letzten Jahren immer wieder zu größeren Mumps-Ausbrüchen, bei denen vorwiegend ältere Jugend­liche und junge Erwachsene betroffen gewesen sind.«

Ein typisches Beispiel lieferte ein Mumps-Ausbruch an einer Grund­schule im Mai 2011 in Nürnberg: Dort erkrankten einmal 18 Schüler, drei Lehre­rinnen und zwei Eltern­teile (Alter: 6 bis 47 Jahre) an Mumps. Vier der männlichen Betrof­fenen (drei Schüler und ein Erwach­sener) litten dabei auch an einer Entzündung der Hoden.

Wer von Berufs wegen die Impfung benötigt

Da Mumps ebenso wie Masern, Röteln und Windpocken keine Krankheit mehr ist, die ausschließlich Kinder befällt, hat die Ständige Impfkom­mission STIKO ihre Impfemp­feh­lungen für bestimmte Berufs­gruppen im Erwach­se­nen­alter, wie zum Beispiel Ärztinnen und Ärzte, Kranken­schwester, Hebammen und Pfleger, Pädagogen und Kinder­gärt­ne­rinnen aktua­li­siert. Sie empfiehlt nun die MMR-Impfung für alle nach 1970 geborenen Personen, die in medizi­ni­schen Einrich­tungen wie Kranken­häusern, Arztpraxen oder Zahnarzt­praxen und Einrich­tungen der Pflege arbeiten oder in Kinder­krippen, Kinder­gärten, Kitas, Schulen, Heimen oder Ferien­lager tätig sind. Die Empfehlung gilt auch für Auszu­bil­dende, Prakti­kanten, Studie­rende und ehren­amtlich Tätige.

Textquelle: Giulia Roggenkamp, Stiftung Kindergesundheit

Bildquelle: Mumps, ebenso wie Masern, Röteln und Windpocken, ist keine Krankheit mehr, die ausschließlich Kinder befällt. STIKO empfiehlt daher, dass sich auch bestimmte Berufs­gruppen im Erwach­se­nen­alter impfen lassen. Foto: Heather Hazzan, Ronald Burton, Campbell Pearson, Hide Suzuki, Deanna Melluso / SELF Magazine, Lizenz: CC BY 2.0