Wahrnehmung: Verzer­rungen beginnen in der Kindheit

Katarakt im mensch­lichen Auge. Die mit Grauem Star geborenen Menschen haben von Beginn an gelernt, dass beim gleich­zei­tigen Auftreten von Licht­ein­drücken und Geräu­schen die Reaktion auf den Lichtreiz im Gehirn zeitlich verzögert erfolgt. Foto: Rakesh Ahuja, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wahrnehmung: Verzer­rungen beginnen in der Kindheit

Unsere subjektive Wahrnehmung stimmt häufig nicht mit der Realität überein. So nehmen zum Beispiel die meisten Menschen einen Ton früher wahr als einen gleich­zeitig ausge­sen­deten Licht­blitz. Die Mecha­nismen, die für die Beurteilung der zeitlichen Reihen­folge von Ereig­nissen zuständig sind, werden durch Erfah­rungen im Säuglings­alter geprägt. Das ist das Ergebnis einer Studie der Arbeits­gruppe »Biolo­gische Psycho­logie und Neuro­psy­cho­logie« der Univer­sität Hamburg, die jetzt im Fachma­gazin »eLife« veröf­fent­licht wurde. Damit tragen die Forsche­rinnen und Forscher auch zum Verständnis des »Astro­no­me­n­pro­blems« aus dem 17. und 18. Jahrhundert bei, das schon die Pioniere der experi­men­tellen Psycho­logie beschäftigt hat.

Wilhelm Wundt, der als Gründer der experi­men­tellen Psycho­logie gilt, wurde inspi­riert durch erbit­terte, gut dokumen­tierte Strei­tig­keiten zwischen Astro­nomen des 17. und 18. Jahrhun­derts. Diese bestimmten die Verän­derung von Sternen­po­si­tionen mithilfe der »Auge und Ohr«-Methode, die einen genauen zeitlichen Abgleich der Sehbe­ob­achtung mit dem Taktschlag eines Metronoms erfor­derte. Die Messungen einzelner Astro­nomen unter­schieden sich syste­ma­tisch vonein­ander – und von der physi­ka­li­schen Realität. »Der Ursprung solcher indivi­duell variie­renden Wahrneh­mungs­ver­zer­rungen blieb trotz ihrer promi­nenten Rolle in der Wissen­schafts­ge­schichte ungeklärt«, sagt Prof. Dr. Brigitte Röder, Leiterin Biolo­gische Psycho­logie und Neuro­psy­cho­logie der Univer­sität Hamburg.

Für ihre Studie haben Forsche­rinnen und Forscher der Univer­sität Hamburg und der Tufts University in Boston (USA) in Koope­ration mit dem LV Prasad Eye Institute in Hyderabad (Indien) Menschen getestet, die aufgrund von beidsei­tigem Grauen Star zwischen einem halben Jahr und mehreren Jahren nach der Geburt blind waren und deren Augen­licht dann durch eine Operation wieder­her­ge­stellt werden konnte.

Den Proban­dinnen und Probanden wurden Töne und Licht­reize in schneller Abfolge auf der linken und rechten Seite präsen­tiert. Sie sollten angeben, welcher der beiden Reize, links oder rechts, für sie zuerst wahrnehmbar war. Obwohl sie außer Acht lassen konnten, ob es sich bei den Reizen um einen Ton oder einen Licht­blitz handelte, beein­flusste die Art der Reize die zeitliche Wahrnehmung. Die Neu-Sehenden gaben mehrheitlich an, dass die Licht­blitze vor den Tönen präsen­tiert worden waren. Eine Kontroll­gruppe hingegen zeigte die typische Verzerrung, die schon Wundt faszi­nierte: Sie nahm die Töne fälsch­li­cher­weise als früher wahr als die Lichtblitze.

Ehemals blinde Menschen nahmen Licht­reize früher wahr als Töne

»Dieses Ergebnis war sehr überra­schend, denn wir wissen aus vorhe­rigen Messungen der Gehirn­ströme mittels EEG, dass zeitweise Blindheit nach Geburt nicht zu einer Beschleu­nigung der visuellen Verar­beitung führt«, erklärt Prof. Dr. Stephanie Badde, die nach ihrem Studium, ihrer Promotion und anschlie­ßender Forschungs- und Lehrtä­tigkeit an der Univer­sität Hamburg inzwi­schen Assistent Professor an der Tufts University in Boston (USA) ist. Die Erklärung: Der Graue Star lässt unspe­zi­fische Licht­ein­drücke durch, jedoch geschieht die Weiter­leitung mit einiger Verzö­gerung. Also haben die mit Grauem Star geborenen Menschen von Beginn an gelernt, dass beim gleich­zei­tigen Auftreten von Licht­ein­drücken und Geräu­schen, die Reaktion auf den Lichtreiz im Gehirn zeitlich verzögert erfolgt.

Das heißt insgesamt: Auch wenn der Graue Star behandelt wird und die Betrof­fenen wieder sehen können, bleibt dieser in der frühen Kindheit gelernte Ausgleichs­me­cha­nismus erhalten. Da jedoch nach der Behandlung keine zeitliche Verzö­gerung durch die Erkrankung mehr vorliegt, nehmen die Patienten die Lichter jetzt als früher wahr als die Töne. Patienten, bei denen der Graue Star erst später im Leben auftrat, zeigen quali­tativ die gleichen Wahrneh­mungs­ver­zer­rungen wie gesunde Kontrollprobanden.

Dieser Unter­schied zwischen den Patien­ten­gruppen verdeut­licht, dass die Mecha­nismen, die für die Beurteilung der zeitlichen Reihen­folge von Ereig­nissen in der Umwelt verant­wortlich sind, durch senso­rische Erfah­rungen im Säuglings­alter geprägt werden. »Die inter­in­di­vi­du­ellen Unter­schiede in der zeitlichen Wahrnehmung von Licht, Schall und Berüh­rungen werden in der frühen Entwicklung während sensibler Phasen erworben und begleiten uns fortan ein Leben lang«, resümiert Prof. Dr. Brigitte Röder.

Folglich können die als »Astro­no­me­n­problem« bekannt gewor­denen stabilen indivi­du­ellen Unter­schiede in der zeitlichen Wahrnehmung von Seh- und Hörin­for­ma­tionen durch natürlich auftre­tende Unter­schiede in der Entwicklung der senso­ri­schen Reizver­ar­beitung erklärt werden.

Textquelle: Birgit Kruse, Univer­sität Hamburg

Bildquelle: Katarakt im mensch­lichen Auge. Die mit Grauem Star geborenen Menschen haben von Beginn an gelernt, dass beim gleich­zei­tigen Auftreten von Licht­ein­drücken und Geräu­schen die Reaktion auf den Lichtreiz im Gehirn zeitlich verzögert erfolgt. Foto: Rakesh Ahuja, Lizenz: CC BY-SA 3.0