Stress­schutz: Lebenssinn und Selbstkontrolle

Stress­fak­toren sind alle inneren und äußeren Reize, die Stress verur­sachen und dadurch das betroffene Individuum zu einer Reaktion der aktiven Anpassung veran­lassen. Der Organismus inter­pre­tiert die auf ihn einwir­kenden Reize und ihre Auswir­kungen für die jeweilige Situation und bewertet sie entweder positiv oder negativ. Das Gemälde: »Wenn die Freude im Haus stirbt« von Pietro Saltini. Lizenz: Gemeinfrei

Stress­schutz: Lebenssinn und Selbstkontrolle

Neben vielen anderen hat die Corona-Krise auch massive psychische Folgen. Aber was hilft Menschen, gut durch diese Zeit zu kommen? Die Sinnfor­scherin Tatjana Schnell von der Uni Innsbruck und der Psychologe Henning Krampe von der Charité – Univer­si­täts­me­dizin Berlin haben dazu eine Studie mit mehr als 1500 Menschen durch­ge­führt. Eines der Ergeb­nisse: Sinnerleben ist ein Stresspuffer, Depres­si­vität und Ängst­lichkeit sind dennoch signi­fikant gestiegen.

Bereits zahlreiche Studien haben in den letzten Wochen darauf hinge­wiesen, dass die Auswir­kungen der Corona­virus-Pandemie auf die psychische Gesundheit der Menschen enorm groß sein können und weite Teile der Bevöl­kerung betreffen. Die Sinnfor­scherin Prof. Tatjana Schnell vom Existential Psychology Lab am Institut für Psycho­logie der Univer­sität Innsbruck hat im Frühjahr gemeinsam mit ihrem Kollegen Henning Krampe von der Klinik für Anästhe­sio­logie der Charité Berlin eine umfas­sende quanti­tative Studie ins Leben gerufen. Erste Ergeb­nisse dieser Unter­su­chung wurden nun im Journal »Frontiers in Psych­iatry« veröffentlicht.

Im Zeitraum von 10. April bis 28. Mai wurden insgesamt 1538 deutsch­spra­chige Personen vor allem aus Öster­reich und Deutschland in Form von Online-Frage­bögen zu ihren Lebens­be­din­gungen, ihrer Wahrnehmung der Pandemie-Situation (COVID-19-Stress) und zu verschie­denen Merkmalen der seeli­schen Gesundheit befragt. Das Haupt­au­genmerk legte Schnell dabei auf die Aspekte Sinnerfüllung und Selbst­kon­trolle. Seit 20 Jahren beschäftigt sich die Psycho­login bereits mit Fragen des Lebens­sinns auf verschie­densten Ebenen und unter­sucht die Auswir­kungen auf die Stabi­lität der psychi­schen Gesundheit.

»Wir haben uns in dieser Studie angesehen, welchen Einfluss der Faktor Lebenssinn für die Menschen in der Zeit der restrik­tiven Lockdowns und danach hatte. Konnten Menschen, die einen starken Sinn in ihrem Leben gefunden haben, besser mit der Situation umgehen?«, sagt Tatjana Schnell. »Unser zweiter Fokus lag auf der Selbst­kon­trolle, das heißt auf der Frage, wie gut die Menschen in der Lage waren, ihre Bedürf­nisse einzu­schränken und an die Ausnah­me­si­tuation anzupassen«, so Schnell zu den Zielen der Studie. Generell konnten Schnell und Krampe feststellen, dass ältere Menschen besondere Resilienz zeigen. Die Daten wiesen darauf hin, dass sie mit deutlich weniger negativen psychi­schen Konse­quenzen zu kämpfen hatten als jüngere Personen: »Das Sinnerleben steigt mit dem Alter an; ältere Menschen sind oft besser in der Lage, Metaper­spek­tiven einzu­nehmen und profi­tieren somit auch in ihrer psychi­schen Stabi­lität stärker von ihrer Lebens­er­fahrung«, so die Forscher*innen.

Werte während Lockdown besser als danach

Die ersten, nun publi­zierten Ergeb­nisse dieser Studie zeigen deutlich, dass die allge­meine psychische Belastung während der ersten Monate der Pandemie deutlich erhöht war. »Menschen, die in ihrem Leben einen starken Sinn sahen, berich­teten aber insgesamt von einer weniger starken psychi­schen Belastung. Auch die Fähigkeit der Selbst­kon­trolle – die im Hinblick auf die Einhaltung der Restrik­tionen sicherlich eine Ressource darstellt – war dem psychi­schen Befinden zuträglich. Beide, Sinnerfüllung und Selbst­kon­trolle, wirkten als eine Art Puffer: sie schwächten den Zusam­menhang zwischen COVID-19-Stress und psychi­scher Belastung ab«, erläutert Schnell.

Inter­essant war für die Wissenschaftler*innen dabei auch der Verlauf über mehrere Monate gesehen: »Die Probleme waren während des strikten Lockdowns offenbar weniger schlimm als danach. Die Einführung der Locke­rungen hat dann nicht zu einer Verbes­serung der psychi­schen Situation geführt – sondern im Gegenteil.« Warum das so ist, können auch Schnell und Krampe nur vermuten: »Eine Sorgen­quelle sind natürlich wirtschaft­liche Einbußen. Darüber hinaus weisen unsere Daten auf einen möglichen Zusam­menhang mit der Eindeu­tigkeit der Situation hin: Während der strengen Ausgangs­be­schrän­kungen war die Lage für alle klar. Es gab eindeutige Vorgaben und alle waren sozusagen im gleichen Boot. Diese »Wir packen das«-Stimmung hat sich für viele Menschen wohl eher positiv ausgewirkt.«

In den Wochen nach den Locke­rungen der strikten Ausgangs­be­schrän­kungen regis­trierten Schnell und Krampe sowohl zuneh­mende Sinnkrisen und schwerere psychische Belas­tungen als auch gesun­kenes Sinnerleben und Defizite in der Selbst­kon­trolle. »Wir gehen davon aus, dass die Selbst­kon­trolle bereits kurz nach dem Lockdown – aber inzwi­schen auch gesamt­ge­sell­schaftlich gut beobachtbar – deshalb abgenommen hat, weil die Sinnhaf­tigkeit der Restrik­tionen weniger deutlich nachvoll­ziehbar ist: In Öster­reich und Deutschland haben die Maßnahmen so gut funktio­niert, dass die Situation (noch) nicht eskaliert ist, was dazu verführt, die Sinnhaf­tigkeit der Maßnahmen in Frage zu stellen – das sogenannte Präven­ti­ons­pa­radox. Hinzu kommt, dass in den letzten Monaten die Kommu­ni­kation durch die Behörden weniger deutlich und nachvoll­ziehbar war. Wenn die Sinnhaf­tigkeit aber nicht erkennbar ist, ist es für viele Menschen schwer, Selbst­ein­schrän­kungen auf Dauer aufrecht zu erhalten«, verdeut­licht Tatjana Schnell.

Appell

Hier appel­lieren Schnell und Krampe einmal mehr an die Verant­wort­lichen in der Politik: »Wer eine gesamt­ge­sell­schaft­liche Akzeptanz anstrebt, sollte auch parti­zi­pativ agieren. Das würde bedeuten, dass Politik­ge­staltung verschiedene Perspek­tiven einbe­zieht, also neben Medizin und Wirtschaft auch Sozial- und Geistes­wis­sen­schaften. Darüber hinaus bedeutet demokra­tische Betei­ligung auch die aktive Einbindung von Minder­heiten und wesent­licher Inter­es­sens­gruppen. Wenn dies gelingt, dann hat Selbst­kon­trolle weniger mit Gehorsam oder Wider­stand zu tun, sondern ist ein mögliches Ergebnis einer infor­mierten persön­lichen Entscheidung.«

Origi­nal­pu­bli­kation:

Schnell T. and Krampe H. (2020) Meaning in Life and Self-Control Buffer Stress in Times of COVID-19: Moderating and Mediating Effects With Regard to Mental Distress. Front. Psych­iatry 11:582352. doi: 10.3389/fpsyt.2020.582352

Link: https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyt.2020.582352/

Textquelle: Melanie Bartos, Univer­sität Innsbruck

Bildquelle: Stress­fak­toren sind alle inneren und äußeren Reize, die Stress verur­sachen und dadurch das betroffene Individuum zu einer Reaktion der aktiven Anpassung veran­lassen. Der Organismus inter­pre­tiert die auf ihn einwir­kenden Reize und ihre Auswir­kungen für die jeweilige Situation und bewertet sie entweder positiv oder negativ. Das Gemälde: »Wenn die Freude im Haus stirbt« von Pietro Saltini. Lizenz: Gemeinfrei