Starke Zunahme von Cannabis-Psychosen

Geerntete Hanfblüten zum Trocknen aufge­hängt. Die getrock­neten unbefruch­teten weiblichen Blüten­stände (mit oder ohne anhän­gende Blätter) werden geraucht oder verdampft. Ein Wirkstoff­gehalt von bis über 30% ist mit bestimmten Canna­bis­sorten unter Bestbe­din­gungen möglich. Aktuell bietet medizi­ni­sches Cannabis in Deutschland je nach Sorte THC-Werte zwischen unter 1 und bis zu 22%. Der CBD-Gehalt liegt bei offizi­ellem medizi­ni­schem Cannabis in Deutschland zwischen unter 0,05 und 10,2%. Foto: Cannabis Training University, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Starke Zunahme von Cannabis-Psychosen

Seit 2011 hat sich am Univer­si­täts­kli­nikum Ulm die Zahl der Psych­ia­trie­pa­ti­enten mit Cannabis-Psychose verviel­facht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Klinik für Psych­iatrie und Psycho­the­rapie III. Mögliche Ursache ist der hohe THC-Wert von hochpo­tenten Neuzüch­tungen sowie von synthe­ti­schen Cannabis-Produkten. Ein weiterer Grund könnte die ab 2017 geltende gesetz­liche Zulassung von medizi­ni­schem Cannabis sein, vermuten die Wissen­schaftler und Wissen­schaft­le­rinnen. Veröf­fent­licht wurden die Ergeb­nisse im »Journal of Clinical Psychopharmacology«.

Hallu­zi­na­tionen, Wahnvor­stel­lungen, Zerfah­renheit und Verhal­tens­stö­rungen: Diese Symptome können bei einer Cannabis induzierten Psychose auftreten. »Für die Betrof­fenen ist diese Erfahrung schockierend, denn sie verlieren nicht nur den Bezug zur realen Welt, sondern auch ihr innerstes Selbst«, erklärt Professor Carlos Schön­feldt-Lecuona von der Klinik für Psych­iatrie und Psycho­the­rapie III am Univer­si­täts­kli­nikum Ulm. Der Wissen­schaftler hat mit weiteren Ulmer Forsche­rinnen und Forscher in einer Studie unter­sucht, wie sich die Fallzahlen der Cannabis-Psychosen von 2011 bis 2019 entwi­ckelt haben.

Das Ergebnis: Es gibt einen massiven Anstieg. Und das, obwohl im Unter­su­chungs­zeitraum weder für andere substanz­in­du­zierte Psychosen noch für endogene Psychosen eine Zunahme zu verzeichnen war. Die Wissen­schaft­le­rinnen und Wissen­schaftler haben dafür in der Klinik für Psych­iatrie und Psycho­the­rapie III eine Einzel­zentrum-Analyse durch­ge­führt und hierfür die Kranken- und Behand­lungs­daten von Patien­tinnen und Patienten unter­sucht, die in der Klinik stationär behandelt wurden. Diese Gesamt­zahlen schwanken im Unter­su­chungs­zeitraum zwischen 1414 (2011) und 1270 (2019) und belegen, dass die Zahl der psych­ia­tri­schen Erkran­kungen und Verhal­tens­stö­rungen insgesamt in dieser Zeit nicht größer geworden ist.

Während im Jahr 2011 nur 7 Patienten und Patien­tinnen wegen einer Cannabis-induzierten Psychose behandelt wurden, waren es fünf Jahre später bereits 24 und 2019 schließlich sogar 59. Die meisten Fälle betreffen junge Männer. Setzt man die Einzel­fälle ins Verhältnis zu den Gesamt­pa­ti­en­ten­zahlen der in der psych­ia­tri­schen Klinik behan­delten Menschen, wird der Anstieg noch deutlicher. So erhöhte sich die relative Häufigkeit des Auftretens von Cannabis-Psychosen von 0,5 Prozent (2011) auf 3,86 Prozent (2019). »Auch wenn die absoluten Häufig­keiten der Cannabis-Psychosen insgesamt eher gering erscheinen, zeigt sich hier bei den relativen Häufig­keiten fast eine Veracht­fa­chung des Ausgangs­werts«, erklärt Klinik­kollege Professor Maximilian Gahr, der ebenfalls an der Studie beteiligt war.

Eine Ursache für den Anstieg der Patien­ten­zahlen mit Cannabis-Psychosen sehen die Forschenden im teilweise deutlich erhöhten THC-Gehalt von genetisch verän­derten Cannabis-Sorten bezie­hungs­weise im hohen THC-Wert von synthe­ti­schem Cannabis, das immer leichter verfügbar ist. Tetra­hy­dro­can­na­binol (THC) ist eine psycho­aktive Substanz, die beim Kiffen von Cannabis für den Rausch verant­wortlich ist. Der zweite Haupt­wirk­stoff ist Canna­b­idiol (CBD), dem eine entspan­nende bis angst­lö­sende Wirkung nachgesagt wird, und der die Wirkung von THC mögli­cher­weise sogar abschwächt. Während der THC-Wert in den letzten Jahren von ehemals rund drei Prozent auf heute über 16 Prozent angestiegen ist, enthalten viele hochge­züch­teten Canna­bis­sorten, die für den Freizeit­konsum angeboten werden, aller­dings nur sehr wenig CBD. Mittler­weile ist bekannt, dass nicht nur ein hoher THC-Wert an sich, sondern insbe­sondere das Missver­hältnis zwischen viel THC und wenig CBD ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Cannabis-Psychosen darstellt.

Ein weiterer Grund sieht das Ulmer Forschungsteam, zu dem auch Wissen­schaftler der Klinik für Kinder- und Jugend­psych­iatrie / Psycho­the­rapie gehören, in der Änderung des recht­lichen Rahmens der Verschrei­bungs­praxis. Denn Anfang März 2017 wurde per Gesetz eine Verordnung von Canna­bi­noiden auf Rezept unter gewissen Umständen ermög­licht. Dies hat mögli­cher­weise zur Folge, dass die gefähr­lichen Neben­wir­kungen vor allem von illegal erwor­benen Canna­bis­pro­dukten unter­schätzt werden. »Trotz ihres Poten­zials als thera­peu­tische Substanzen bei vielen Störungs­bildern ist der Einsatz von Canna­bi­noiden mit einem nicht zu unter­schät­zenden gesund­heit­lichen Risiko verbunden. Dies gilt insbe­sondere für Personen mit einer psychi­schen Vorer­krankung. So sind eben immer mehr Cannabis-Psychosen zu beobachten. Anderer­seits kommt es auch verstärkt zu Abhän­gig­keiten und zu schäd­lichem Gebrauch«, erklärt Professor Schön­feldt-Lecuona. So lässt sich in der Studie zeigen, dass der Anstieg der Fälle ab 2017 noch einen Tick stärker ausfällt.

Eine derartige Entwicklung von Fallzahlen hat auch auf die psych­ia­trische Versorgung große Auswir­kungen. Aufgrund des Zuschnitts der Studie können die Wissen­schaftler und Wissen­schaft­le­rinnen aller­dings noch nicht sagen, ob es sich um eine lokale Entwicklung oder um einen allge­meinen Trend handelt. »Es spricht alles dafür, dass wir es hier mit einer allge­meinen Entwicklung zu tun haben, daher halten wir es für angeraten, hier mit weiteren und umfas­sen­deren Unter­su­chungen nachzu­haken«, so die Ulmer Forschenden.

»Mit dem ‚Gesetz zur Änderung betäu­bungs­mit­tel­recht­licher und anderer Vorschriften‘ vom 6. März 2017 befinden wir uns in einer Art bundes­weitem Experiment. Doch die gesamt­ge­sell­schaft­lichen Folgen sind noch unklar«, meint Professor Maximilian Gahr. Auf jeden Fall empfehlen die Autoren der Studie eine inten­sivere Aufklärung über mögliche Risiken des Konsums von Canna­bi­noiden. Die Wissen­schaftler denken dabei sowohl an schmerz­the­ra­peu­tische Einrich­tungen und Arztpraxen, die Cannabis verschreiben, als auch an Schulen und Jugend­ein­rich­tungen. Denn eines ist auf jeden Fall klar: harmlos ist der Konsum von Cannabis auf keinem Fall.

Litera­tur­hinweis:

Gahr M, Ziller J, Keller F, Schön­feldt-Lecuona C. Incre­asing Proportion of Canna­binoid-Associated Psychotic Disorders: Results of a Single-Center Analysis of Treatment Data From 2011 to 2019. J Clin Psycho­phar­macol. 2020 Nov/Dec;40(6):642–645. doi: 10.1097/JCP.0000000000001278.

Textquelle: Andrea Weber-Tuckermann, Univer­sität Ulm

Bildquelle: Geerntete Hanfblüten zum Trocknen aufge­hängt. Die getrock­neten unbefruch­teten weiblichen Blüten­stände (mit oder ohne anhän­gende Blätter) werden geraucht oder verdampft. Ein Wirkstoff­gehalt von bis über 30% ist mit bestimmten Canna­bis­sorten unter Bestbe­din­gungen möglich. Aktuell bietet medizi­ni­sches Cannabis in Deutschland je nach Sorte THC-Werte zwischen unter 1 und bis zu 22%. Der CBD-Gehalt liegt bei offizi­ellem medizi­ni­schem Cannabis in Deutschland zwischen unter 0,05 und 10,2%. Foto: Cannabis Training University, Lizenz: CC BY-SA 3.0