Grüner Star und Lebensstil – Sport senkt Risiko

Fortge­schrittene Glaukom­krankheit, mit großer Aushöhlung des Sehner­ven­kopfes, zu erkennen an den bereits am Papil­lenrand »bajonett­förmig« abkni­ckenden Blutge­fäßen. Foto: Snoop, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Grüner Star und Lebensstil – Sport senkt Risiko

Regel­mäßige körper­liche Aktivität senkt das Risiko, an einem Grünen Star zu erkranken. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie. Mögli­cher­weise könnte Sport auch das Fortschreiten des Augen­leidens verlang­samen. So belegen verschiedene Unter­su­chungen eine Senkung des Augen­in­nen­drucks nach Aktivi­täten wie Fahrrad­fahren oder Laufen, berichten Experten der Deutschen Ophthal­mo­lo­gi­schen Gesell­schaft (DOG). Die wichtigste Maßnahme, einen drohenden Sehverlust abzuwenden, bleibt die frühe Diagnose durch den Augenarzt.

Der Grüne Star, das Glaukom, zählt zu den häufigsten Ursachen für Erblindung in Deutschland. Etwa eine Million Menschen leiden hierzu­lande an der Erkrankung, die den Sehnerven schädigt. Wie schnell der Sehverlust voran­schreitet, wird von mehreren Einflüssen bestimmt. Der größte Risiko­faktor ist der erhöhte Augeninnendruck.

Nun belegt eine prospektive Beobach­tungs­studie an 9519 Männern und Frauen im Alter zwischen 40 and 81 Jahren, dass bei sport­lichen und körperlich aktiven Menschen die Neuerkran­kungsrate an einem Grünen Star geringer ist als bei inaktiven Personen (1). »Dieser Effekt zeigte sich in der fast sechs­jäh­rigen Beobach­tungs­phase selbst dann, wenn andere Faktoren wie Ernährung, Alkohol­genuss oder Rauchen heraus­ge­rechnet worden waren, die oft mit dem Fitness­niveau einher­gehen«, erläutert Professor Dr. med. Hagen Thieme, Direktor der Augen­klinik am Univer­si­täts­kli­nikum Magdeburg.

Der DOG-Experte hält eine positive Wirkung von Sport bei Glaukom für durchaus plausibel. »Aerobe Sport­arten wie Fahrrad­fahren oder Laufen senken vorüber­gehend den Augen­in­nen­druck, das haben schon sehr viele Studien nachge­wiesen«, erklärt Thieme (2). »Die Senkung hielt je nach voraus­ge­gan­gener sport­licher Inten­sität zwischen zehn Minuten und zweieinhalb Stunden an«, so der DOG-Experte. Ein weiterer förder­licher Effekt: Bei sport­lichen Menschen ist der Sehner­venkopf nachweislich besser durch­blutet (3). Außerdem stimu­liert Bewegung vielfältige neuronale Repara­tur­me­cha­nismen im Gehirn (4). »Das ist für einige Erkran­kungen des zentralen Nerven­systems wie etwa den Schlag­anfall belegt. Es ist vorstellbar, dass es auch für Nerven­zellen und ‑fasern am Sehner­venkopf gilt«, meint Thieme. Diese Faktoren könnten erklären, warum sportlich Aktive seltener an Grünem Star erkranken.

Ob sport­liche Betätigung auch hilft, eine bereits bestehende Glaukom-Erkrankung aufzu­halten, ist gegen­wärtig nicht ausrei­chend unter­sucht. Eine Querschnitts­un­ter­su­chung (5) an 141 Glaukom-Patienten kam kürzlich zu dem Schluss, dass 1000 zusätz­liche Schritte pro Tag den Sehverlust über das Jahr hinweg zwar verzö­gerte. Insgesamt waren die Effekte aber sehr gering. »Ginge man unter diesen Voraus­set­zungen von einer schüt­zenden Wirkung aus, müssten Patienten etwa 5000 Schritte oder zwei Stunden körper­liche Aktivität zusätzlich pro Tag ausüben, um die jährliche Sehver­schlech­terung bei der Glaukom-Erkrankung um zehn Prozent zu reduzieren«, stellt Thieme fest.

Von entschei­dender Bedeutung bleiben deshalb die Vorsorge und eine frühe Diagnose. Denn einen erhöhten Augen­in­nen­druck spüren die Betrof­fenen über längere Zeit oft nicht. Stellen sich Sehstö­rungen ein – Ausfälle im zentralen oder äußeren Blickfeld –, ist die Erkrankung meist schon stark fortge­schritten und muss medika­mentös behandelt werden, um weitere Schäden abzuwenden. »Es ist daher sinnvoll, den Sehnerven ab dem 40. Lebensjahr beim Augenarzt unter­suchen zu lassen, ab dem 60. Lebensjahr ist ein jährlicher Sehner­ven­check anzuraten«, empfiehlt der Magde­burger Augenexperte.

Quellen:

(1) Meier NF, Lee DC, Sui X, Blair SN.

Physical Activity, Cardio­re­spi­ratory Fitness, and Incident Glaucoma.

Med Sci Sports Exerc. 2018 Nov;50(11):2253–2258.

(2) Zhu MM, Lai JSM, Choy BNK, Shum JWH, Lo ACY, Ng ALK, Chan JCH, So KF.

Physical exercise and glaucoma: a review on the roles of physical exercise on intrao­cular pressure control, ocular blood flow regulation, neuro­pro­tection and glaucoma-related mental health.

Acta Ophthalmol. 2018 Sep;96(6):e676-e691.

(3) Schmitz B, Nelis P, Rolfes F, Alnawaiseh M, Klose A, Krüger M, Eter N, Brand SM, Alten F.

Effects of high-intensity interval training on optic nerve head and macular perfusion using optical coherence tomography angio­graphy in healthy adults.

Atheros­cle­rosis. 2018 Jul;274:8–15.

(4) Benedict, C. et al.

Association between physical activity and brain health in older adults.

Neurobiol Aging. 2013 Jan;34(1):83–90.

(5) Lee, Moon Jeong et al.

Greater Physical Activity Is Associated with Slower Visual Field Loss in Glaucoma

Ophthal­mology, Volume 126, Issue 7, 958 – 964

https://doi.org/10.1016/j.ophtha.2018.10.012

Textquelle: Kerstin Ullrich, Deutsche Ophthal­mo­lo­gische Gesellschaft

Bildquelle: Fortge­schrittene Glaukom­krankheit, mit großer Aushöhlung des Sehner­ven­kopfes, zu erkennen an den bereits am Papil­lenrand »bajonett­förmig« abkni­ckenden Blutge­fäßen. Foto: Snoop, Lizenz: CC BY-SA 3.0