Anste­ckungs­gefahr: Der Stress und das »Wir-Gefühl«

Gemälde »Die Saporoger Kosaken schreiben dem türki­schen Sultan einen Brief« von Ilja Repin (1880). Lizenz: Gemeinfrei

Anste­ckungs­gefahr: Der Stress und das »Wir-Gefühl«

Stress kann anste­ckend sein. Wenn wir eine andere Person in einer stres­sigen Situation erleben, fühlen wir uns mögli­cher­weise ebenfalls gestresst; unser Körper schüttet sogar Stress­hormone aus. Lassen wir uns schneller vom Stress anderer Personen anstecken, wenn uns mit diesen ein »Wir-Gefühl« – ein Gefühl von Zusam­men­ge­hö­rigkeit, Gemein­schaft und Gemein­samkeit – verbindet? Ein Team von Psycho­lo­ginnen und Psycho­logen der Justus-Liebig-Univer­sität Gießen (JLU) und der Univer­sität Wien hat dies überprüft.

An der experi­men­tellen Studie nahmen Versuchs­teil­neh­me­rinnen und ‑teilnehmer in Klein­gruppen von jeweils vier oder fünf Personen teil. Bei der Hälfte aller Klein­gruppen wurde ein »Wir-Gefühl« erzeugt: Die Teilneh­menden saßen gemeinsam an einem Tisch, wurden als Gruppe angesprochen, und die Betei­ligten überlegten, was sie als Gruppe verbindet bezie­hungs­weise was sie mit den anderen Proban­dinnen und Probanden gemeinsam haben. In der anderen Hälfte der Klein­gruppen wurde kein solches »Wir-Gefühl« erzeugt: Die Teilneh­me­rinnen und Teilnehmer saßen an Einzel­ti­schen, wurden einzeln angesprochen und überlegten, was sie als Individuen auszeichnet und was sie von den anderen Teilneh­menden unterscheidet.

Im Anschluss wurde in jeder Klein­gruppe zufällig eine Versuchs­person ausgelost, die allein eine sehr stressige Aufgabe zu bearbeiten hatte: Die ausge­losten Personen mussten in einem simulierten Bewer­bungs­ge­spräch mit zwei strengen Inter­viewern überzeugend darlegen, warum sie für eine fiktive Stelle besonders geeignet seien. Im zweiten Teil der Aufgabe hatten sie anspruchs­volle Kopfre­chen­auf­gaben zu lösen. Die anderen Versuchs­teil­neh­me­rinnen und ‑teilnehmer beobach­teten diese Situation.

Während der Studie wurden bei den Proban­dinnen und Probanden mehrfach Speichel­proben genommen, um diese später im Labor auf das Stress­hormon Cortisol zu analy­sieren. »Wenn die Beobach­te­rinnen und Beobachter Cortisol ausschütten, obwohl diese gar nicht unmit­telbar gestresst wurden, lässt sich daraus schließen, dass sie mit Stress angesteckt worden sind«, erklärt Valerie Schury, Wissen­schaft­liche Mitar­bei­terin in der Abteilung Sozial­psy­cho­logie. Dieses Phänomen ließ sich im Rahmen der Studie beobachten. »Es zeigte sich zudem, dass die beobach­tenden Versuchs­teil­neh­menden signi­fikant häufiger das Stress­hormon Cortisol ausschüt­teten, wenn zuvor ein ‚Wir-Gefühl‘ mit der beobach­teten Person erzeugt worden war. Wurde jedoch kein solches ‚Wir-Gefühl‘ erzeugt, steckten sich nur wenige Beobach­te­rinnen und Beobachter mit Stress an.«

In der Studie konnte das Wissen­schaft­lerteam zeigen, dass die Stress­an­ste­ckung verstärkt wird, wenn innerhalb von kurzer Zeit ein »Wir-Gefühl« zwischen Personen herge­stellt werden konnte, die sich zuvor völlig fremd waren. Prof. Häusser, Leiter der Forschungs­gruppe, ordnet die Unter­su­chungs­er­geb­nisse im Hinblick auf eine engere Verbindung zwischen Personen ein: »Es ist davon auszu­gehen, dass Menschen sich sogar noch deutlich stärker mit Stress anstecken, wenn sie Personen beobachten, mit denen sie ein langfris­tiges und stärkeres ‚Wir-Gefühl‘ verbindet, beispiels­weise bei Famili­en­mit­gliedern oder Freun­dinnen und Freunden.«

Origi­nal­pu­bli­kation:

Schury, V. A., Nater, U. M., & Häusser, J. A. (2020). The Social Curse: Evidence for a moderating effect of shared social identity on conta­gious stress reactions. Psycho­neu­ro­en­docri­nology, 122.

DOI: 10.1016/j.psyneuen.2020.104896

Textquelle: Lisa Dittrich, Justus-Liebig-Univer­sität Gießen

Bildquelle: Gemälde »Die Saporoger Kosaken schreiben dem türki­schen Sultan einen Brief« von Ilja Repin (1880). Lizenz: Gemeinfrei