Leukämie: Neue effektive Behandlungsform

Bei der AML gerät das blutbil­dende System außer Kontrolle: Betroffene Zellen wie hier, sogenannte myeloische Blasten, vermehren sich ungebremst und behindern die Bildung gesunder Blutkör­perchen. Foto: Andreas Burchert

Leukämie: Neue effektive Behandlungsform

Über zehn Jahre lang erforschte das Team um Prof. Dr. Andreas Burchert vom Fachbe­reich Medizin der Philipps-Univer­sität Marburg, wie man die Behandlung einer spezi­ellen Form der akuten myeloi­schen Leukämie (AML) verbessern kann – zunächst im Labor, danach in einer klini­schen Studie. Die vielver­spre­chenden Ergeb­nisse dieser Arbeiten wurden nun in der aktuellen Ausgabe des renom­mierten Journal of Clinical Oncology veröf­fent­licht. Sie könnten die Thera­pie­praxis für eine spezielle Hochrisiko-AML-Patien­ten­gruppe grund­legend verändern: das Rückfall- und Sterbe­risiko sank bei diesen Personen um 75 Prozent, wenn sie mit dem Wirkstoff Sorafenib behandelt wurden.

Leukämien werden anhand des Krank­heits­ver­laufs (akut oder chronisch), Gewebetyp (myeloisch oder lympha­tisch) und den zugrun­de­lie­genden geneti­schen Verän­de­rungen einge­teilt. Die AML ist die häufigste akut verlau­fende Leukämieform in Deutschland. »In unserer Studie haben wir uns einer Hochrisiko-AML gewidmet, die durch eine Mutation im FLT3-Gen, der sogenannten FLT3-ITD Mutation, charak­te­ri­siert ist und die bei etwa 25 Prozent aller AML-Patienten auftritt«, sagt Prof. Dr. Andreas Burchert, Leiter der Studie SORMAIN, die im Oktober 2010 in die Phase 2 startete. »Die Prognose der FLT3-ITD-positiven AML ist besonders schlecht, weil Patienten mit dieser Mutation trotz inten­siver Chemo­the­rapie und Stamm­zel­len­trans­plan­tation in mehr als 50 Prozent einen Rückfall erleiden, der meistens nicht mehr effektiv thera­pierbar ist«, sagt Burchert.

Hoffnungs­träger ist das Medikament Sorafenib – eine Substanz, die eigentlich für die Therapie von Nieren- und Leber­zell­kar­zi­nomen zugelassen ist. »Mit Blick auf die Ergeb­nisse der Studie sollte die Behandlung mit Sorafenib in der entspre­chenden AML-Patien­ten­gruppe zukünftig auch zum Standard in der AML-Therapie gehören«, sagt Burchert. »Denn wir konnten in der Placebo-kontrol­lierten SORMAIN-Studie zeigen, dass AML-Patienten mit FLT3-ITD Mutation bei Einnahme von Sorafenib ein um etwa 75 Prozent gerin­geres Risiko hatten, nach der Stamm­zel­len­trans­plan­tation einen Rückfall zu erleiden und an der AML zu sterben«, erläutert Burchert. Die statis­tische Auswertung der Daten erfolgte in Koope­ration mit den Partnern Prof. Dr. Konstantin Strauch vom Institute of Genetic Epide­miology der Ludwig-Maximi­lians-Univer­sität München und Dr. Markus Brugger vom Institut für Medizi­nische Biometrie, Epide­mio­logie und Infor­matik der Univer­si­täts­me­dizin Mainz.

Insgesamt nahmen 83 Erwachsene aus Deutschland und Öster­reich an der doppel­blinden, place­bo­kon­trol­lierten und rando­mi­sierten Studie teil, 33 davon am Marburger Carreras Leukämie Centrum (CLC) am Univer­si­täts­kli­nikum Marburg. Wichtige Kriterien für die Aufnahme in die Studie waren das Vorliegen einer FLT3-ITD-positiven AML-Erkrankung, die sich nach allogener Stamm­zell­trans­plan­tation gut zurück­ge­bildet haben musste und die nicht länger als 100 Tage zurück­liegen durfte. Die Studi­en­teil­nehmer erhielten nach der Trans­plan­tation über 24 Monate eine Erhal­tungs­the­rapie mit dem Medikament Sorafenib oder einem Placebo und wurden anschließend im Schnitt weitere drei Jahre nachbe­ob­achtet. »Nach diesem langen Studi­en­verlauf können wir ganz klar sagen, dass Sorafenib die Überle­bens­chancen von AML-Patienten mit FLT3-ITD Mutation deutlich steigert«, weiß Burchert.

Prof. Dr. Andreas Burchert, Leiter der Studie SORMAIN. Foto: Andreas Neubaer

Parallel zur Studie zeigen Arbeiten im Forschungs­labor von Burchert, dass die lebens­ret­tenden Effekte von Sorafenib, wenigstens zum Teil, auf einer beson­deren Aktivierung des trans­plan­tierten Immun­system beruhen könnten. »Diese Daten sind sehr faszi­nierend, denn mögli­cher­weise könnten somit auch AML-Patienten ohne FLT3-ITD Mutation von einer Sorafenib Erhal­tungs­the­rapie nach Stamm­zell­trans­plan­tation profi­tieren«, ergänzt Burchert. Dies klinisch zu unter­suchen soll Gegen­stand einer geplanten Folge­studie sein. »Nach erfolg­reicher Beantragung werden wir diese in enger Zusam­men­arbeit mit Frau Schade-Brittinger vom Koordi­nie­rungs­zentrum für Klinische Studien (KKS) durch­führen, wie bereits zuvor bei SORMAIN«, so Burchert.

Origi­nal­pu­bli­kation:

Andreas Burchert et al.: Sorafenib Maintenance After Allogeneic Hemato­poietic Stem Cell Trans­plan­tation for Acute Myeloid Leukemia With FLT3–Internal Tandem Dupli­cation Mutation (SORMAIN), Journal of Clinical Oncology 2020, DOI: 10.1200/JCO.19.03345. https://ascopubs.org/doi/full/10.1200/JCO.19.03345

Textquelle: Christina Mühlenkamp, Philipps-Univer­sität Marburg

Bildquelle: (oben) Bei der AML gerät das blutbil­dende System außer Kontrolle: Betroffene Zellen wie hier, sogenannte myeloische Blasten, vermehren sich ungebremst und behindern die Bildung gesunder Blutkör­perchen. Foto: Andreas Burchert

Bildquelle: (unten) Prof. Dr. Andreas Burchert, Leiter der Studie SORMAIN. Foto: Andreas Neubaer